Umstrittene Themen aus der Perspektive eines Nutzers.
Elektromobilität
Februar 2026
Derzeit fahre ich mein viertes elektrifiziertes Fahrzeug. Nachdem ich zwei Plug-In-Hybride und ein Vollelektrisches besessen habe (alle BMW) ist es jetzt mein zweites, reines Elektroauto. Das sind rund zehn Jahre Erfahrung und eine solide Grundlage für eine fundierte Meinung. Konkret handelt es sich aktuell um einen Mercedes EQA von 2024, ausgestattet mit einem 69 kWh-Akku, der etwa 300 Kilometer auf Autobahnen ermöglicht, auf Landstraßen vielleicht 100 km mehr. Die Ladezeit von 10 auf 80 % beträgt ungefähr 30 Minuten. Der durchschnittliche Jahresverbrauch liegt bei 20 kWh pro 100 km, was bei einem Strompreis von 26 Cent/kWh Kosten von etwa 5,20 Euro für 100 km bedeutet. In der Zeit von März bis September erzeuge ich Solarstrom, von dem oft 100 % in das Auto gehen, wodurch die tatsächlichen Kosten pro Kilometer maximal bei 4,00 Euro für 100 km liegen. Das Fahrzeug hat eine volle Garantie bis 2030, es fallen keine Steuern an und die Vollkaskoversicherung beträgt 550 Euro im Jahr. Es ist eine jährliche Inspektion erforderlich, bisher gab es keinerlei technische Defekte – keines meiner Elektroautos hatte jemals Probleme oder Ausfälle. Die Gründe für den Wechsel von BMW zu Mercedes sind nicht technisch bedingt, mein letztes, ein iX3 war ein hervorragendes Auto.
Für mich ist die Rückkehr zu einem Verbrenner sehr unwahrscheinlich.
PRO
- Hohe Effizienz. Der Wirkungsgrad des Antriebs (Motor+Akku) ist mit knapp 70% mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnittswert der Verbrenner (30%). Die Rückgewinnung von Energie beim Bremsen durch Rekuperation kommt noch hinzu.
- Hoher Komfort durch geringes Fahrgeräusch und komplette Stand-Klimatisierung inkl. fernbedienbarer Vorklimatisierung, was besonders im Winter ohne Garage/Carport viel Sinn macht.
- Garantierter Fahrspaß durch allgemein hohe Leistungen und Drehmomente. Die oft „moderate“ Vmax spielt im Alltag selten eine Rolle.
- Möglichkeit der autonomen Energieversorgung durch Laden zu Hause mit großem Spielraum bei den Kosten: Dynamische Stromtarife, Photovoltaik.
- Geringerer Wartungsaufwand durch weniger komplexe Antriebstechnik. E-Motor und Akkus sind wartungsfrei. Weniger Verschleißteile, kein Auspuff, Luft-und Ölfilter, plus geringer Bremsenverschleiß durch Rekuperation.
- Gewaltiges Entwicklungspotential der Energiespeicher. Alle Nachteile der Elektroautos, auch hinsichtlich Ökobilanz und Kosten, resultieren aus der aktuellen Energiespeicherung. Zu erwarten sind: Akkus mit Zellchemie ohne seltene Erden (Sicherheit, Kosten) bei höherer Energiedichte (Gewicht), alternative Ladelösungen, z.B. Induktion, Dockingsysteme à la Mähroboter. Und endlich Plug & Charge analog Tesla.
KONTRA
- Höherer Planungsbedarf. Spontane längere Fahrten bei geringem Ladestand zu beginnen ist komplizierter als nur mal kurz zur Tankstelle.
- Obwohl Tesla seit 15 Jahren zeigt, wie öffentliche Ladeinfrastruktur funktionieren sollte, blamiert sich der komplette Rest der betreffenden Industrien Europas durch Kompetenzgerangel und fehlende Weitsicht mit einem unglaublichen Wirrwarr von Bezahlsystemen, Insellösungen und bitterböser Konkurrenz.
- Das führt u.a. zu hohen Kosten beim externen, speziell Schnellladen von €0,70/kWh und mehr.
- Unzulängliche Ladeinfrastruktur in Innenstädten aber auch in dicht bebauten Stadtrand-Wohnvierteln.
- Aktuell noch geringe Reichweite für Viel-Weit-Fahrer und vergleichsweise hohe Anschaffungskosten.
Dynamische Stromtarife
Januar 2026
Wir waren zwischen Juni 2024 und November 2025 Kunden bei Tibber, weil wir nach den extremen Strompreisen infolge der „Energiekrise“ durch den Ukraine-Krieg den gelegentlich vergleichsweise sehr günstigen dynamischen Tarifen nicht widerstehen konnten. Das Laden unseres E-Autos spielte dabei natürlich auch eine Rolle. Man muß Tibber zugute halten, dass sie seinerzeit die Einzigen waren, die mit dem Lesegerät Pulse in Verbindung mit einem digitalen Stromzähler und optischer Schnittstelle eine dynamische Abrechnung überhaupt erst möglich gemacht haben, sofern man nicht bereits ein Smart Meter hatte, das den Zählerstand direkt an den Netzbetreiber sendet.
Warum haben wir Tibber aber wieder verlassen? Wenn Sie selbst darüber nachdenken, einen dynamischen Stromtarif abzuschliessen, könnten unsere Erfahrungen hilfreich sein.
Folgendes sollten Sie beachten:
- Infolge des wachsenden Anteils erneuerbarer Energien haben sich die Vorraussetzungen für die Ermittlungen der Börsenstrompreise inzwischen verändert. Was alles genau Einfluß hat, lässt sich kaum ermitteln.
- Während 2024 nahezu ganzjährig eine typische Strompreiskurve mit Minima um die Mittagszeit und zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens vorhanden war, gab es zuletzt – hauptsächlich im Winterhalbjahr – kaum noch besonders günstige Preise – im Vergleich zu fixen Tarifen.
- Sog. Dunkel-Flauten, also Perioden mit sehr wenig Wind und Sonne, führen mit steigendem Anteil dieser Ressourcen an der Energieerzeugung zu deutlich steigenden Preisen, wenn sie nicht liefern. 50 Ct. und mehr waren nicht selten und der durchschnittliche Tagespreis stets höher, als der durchschnittliche Fixpreis.
- Dynamische Tarife sollen einen Anreiz schaffen, in Niedrigpreis-Phasen „große“ Verbraucher zu betreiben, bei uns das Laden des Autos. Das machte anfangs über Nacht auch wirklich Sinn. Empfohlen werden auch Wäschetrockner, Waschmaschinen oder was auch immer. Ist der Effekt durch eine kleine Preisspanne aber gering, lohnt sich der zusätzliche Aufwand einfach nicht mehr.
- Und im Sommer? Wenn man eine PV-Anlage mit Speicher hat, wie wir, die zwischen April und August einen Überschuss erzeugt, im März und September (Oktober) den Tagesbedarf annähern deckt, bringt ein dynamischer Tarif kaum messbare Vorteile. Kostenloser Strom ist lukrativer als billiger.
- Einen negativen Börsenstrompreis, der gelegentlich euphorisch erwähnt wird, sahen wir ein mal, ein paar Cent.
- Die Industrie und die gewerbliche Energiewirtschaft haben längst erkannt, dass sich das temporäre Überangebot an Energie, das tagsüber von März bis Oktober entsteht, vermarkten lässt. Es entstehen ständig neue große Akku-Speicher, die den saisonalen Überschuss verringern und damit den Strompreis ansteigen lassen, was zu einer Nivellierung im Tagesverlauf führt. Das ist insgesamt sehr sinnvoll und „entdynamisiert“ die Tarife – allerdings zulasten günstiger dynamischer Verbraucherpreise.
- Mittelfristig werden dynamische Stromtarife verschwinden oder zumindest immer weniger lukrativ sein, denn eine gute Balance zwischen Angebot und Nachfrage ist das wirtschaftliche Optimum.